Leben mit Demenz – Demenzdörfer als Lebensort

Ein Leben mit Demenz - sowohl für direkt Betroffene als auch für ihre Angehörigen ist es nicht einfach und bringt sie oft an den Rand ihres Verständnisses und ihrer Kräfte. Seit einigen Jahren werden zunehmend an die Erkrankung angepasste Wohnformen entwickelt. Demenzdörfer, wie das in Stolberg-Mausbach, sind eine davon.

Ein Leben mit Demenz - sowohl für direkt Betroffene als auch für ihre Angehörigen ist es nicht einfach und bringt sie oft an den Rand ihres Verständnisses und ihrer Kräfte. Seit einigen Jahren werden zunehmend an die Erkrankung angepasste Wohnformen entwickelt. Demenzdörfer, wie das in Stolberg-Mausbach, sind eine davon.

Leben mit Demenz – Demenzdörfer als Lebensort

Leben mit Demenz Demenzdörfer als LebensortDementielle Erkrankungen

Bis 2050 sollen nach Hochrechnungen in Deutschland über drei Millionen Menschen an einer Demenz leiden. Bereits unter 50jährige können daran erkranken. Als Ursachen gelten Neurodegeneration, also der Verlust von Nervenzellen, oder Gefäßschädigungen des Gehirns, beispielsweise durch Arterienverkalkung oder einen Schlaganfall. Dass eine gesunde Ernährung und ausreichende Bewegung dazu beitragen können, dementiellen Erkrankungen in gewissem Maße vorzubeugen und ihren Verlauf zu verlangsamen, gilt heute als erwiesen. Auch geistige Aktivität scheint einen positiven Einfluss zu haben. Das kann man in Therapie und Coaching gut feststellen.

Demenz – wenn die Erinnerung Löcher bekommt

Das Leben mit Demenz wird mitunter beschrieben als ein Leben in einer Zwischenwelt. Zunehmend verschwinden Fragmente des eigenen Lebens im Vergessen und hinterlassen Lücken und Verwirrung. Auf einmal passt nichts mehr zusammen, ergibt nichts mehr einen logischen Sinn. Sehr frühe Eindrücke aus Kindheit und Jugend bleiben am längsten erhalten, „frische Lebensereignisse“ verschwinden schnell wieder aus dem Gedächtnis. Kommunikation kann somit sehr schwierig werden. Desorientierung, Vereinsamung und psychische Probleme wie Stimmungsschwankungen bis hin zu Depressionen können sich daraus ergeben. Ebenso ist die Fähigkeit, sich im Alltag zurechtzufinden, häufig stark eingeschränkt und schwindet mit fortschreitendem Verlauf immer mehr, bis irgendwann kein selbständiges Leben mehr möglich ist.

Verschiedene Formen von Demenz

Die typische Altersdemenz tritt erst in höherem Lebensalter auf und schreitet über Jahre hinweg stetig langsam fort. Was mit einer leichten „Schusseligkeit“ beginnt, kann hin zur völligen Orientierungslosigkeit im Hier und Jetzt führen.

Es gibt jedoch auch Formen der Demenz, die früher einsetzen, schubweise verlaufen oder sogar sich phasenweise im Wechsel mit Episoden völliger geistiger Klarheit zeigen. Auch Alzheimer- und Parkinson-Erkrankungen sind Formen von Demenz, die auf Neurodegeneration, einen Verlust von Nervenzellen, zurückzuführen sind.

Demenzdörfer – Orientierung und Aktivierung

Nach dem Vorbild des ersten, 2009 gegründeten Demenzdorfes „De Hogeweyk“ im niederländischen Weesp, werden seit 2014 auch in Deutschland solche speziell auf Bewohner mit dementiellen Erkrankungen zugeschnittene Einrichtungen gebaut.

2016 eröffnete die AWO in Stolberg-Mausbach das erste Demenzdorf der Städteregion Aachen. Mitten im Wald gelegen bietet diese Einrichtung ihren 80 Bewohnern die Möglichkeit, ein weitgehend selbstbestimmtes Leben in Gemeinschaft zu führen. Die individuellen Entfaltungsmöglichkeiten sollen dabei gewahrt bleiben und eine aktive Teilnahme am gemeinschaftlichen Leben gefördert werden. Die wertschätzende Begleitung und Unterstützung der Bewohner durch das Team bei individuellen Aktivitäten innerhalb der Dorfgemeinschaft bildet den roten Faden des Zusammenlebens.

Gebäude, die sich um einen Dorfplatz als zentralem Element gruppieren, ein wöchentlich stattfindender Markt, das Dorflädchen, ein Werkhof mit verschiedenen Räumen, eine Gärtnerei, eine Schneiderei, der Andachtsraum und ein Café schaffen dorfähnliche Wohn- und Lebensstrukturen. Die Teilnahme der Bewohner an Alltagstätigkeiten wird angestrebt und gefördert, um dem Leben Struktur zu geben, Kompetenzen zu nutzen und zu erhalten und eine Aktivierung zu bewirken. Verrichtungen in Haushalt und Laden, Essenszubereitung, die Versorgung der tierischen Mitbewohner wie Kaninchen und demnächst auch Esel binden in ganz normales Leben ein und bieten vielfältige sinnliche Eindrücke.

Kritik der Demenzdörfer – aufgefangen oder weggesperrt?

Einrichtungen, die derart speziell auf bestimmte Bewohnergruppen zugeschnitten sind, geraten schnell in die Kritik, eine Art Ghetto zu bilden. Tatsächlich ist der Kontakt zur Außenwelt nicht immer gegeben, da es in den Dörfern alles für den täglichen Bedarf gibt. Familienangehörige, Mitarbeiter und Ehrenamtliche bilden mitunter die einzige Verbindung nach außen. Dennoch – Menschen mit dementiellen Symptomen kann diese scheinbare Einengung des Lebensraumes eine Art Sicherheit und Orientierung bieten, die sie mitten in der Gesellschaft so nicht mehr haben. Da Demenz häufig mit innerer Unruhe einhergeht, die zu verstärkter körperlicher Bewegung, durchaus auch im Sinne von Weglauftendenzen führt, sind manche dieser Institutionen zum Schutze der Bewohner eingezäunt.

Zwischen individueller Freiheit und Schutz – im Seniorenzentrum Mausbach gibt es keinen Zaun

In Stolberg hat man sich gegen die Einzäunung des Geländes entschieden. Die individuelle Freiheit der Bewohner soll möglichst gewahrt bleiben. Allerdings hat das zur Folge, dass in Mausbach selber des Öfteren desorientierte Senioren angetroffen werden, die manchmal von den Einwohnern wieder zurück zur Einrichtung gefahren werden.

Dennoch, auch den Angehörigen der Bewohner ist die Intention von größtmöglicher Freiheit ihrer Eltern und Großeltern wichtig – selbst der Fall einer Bewohnerin, die 2017 aus der Einrichtung  in den Wald lief, erst am Folgetag gefunden wurde und später leider an den Folgen ihrer nächtlichen Unterkühlung verstarb, brachte das Konzept, die Senioren nicht einzusperren, nicht ins Wanken. In Extremfällen könnten zur Sicherheit GPS-Sender mitgeführt werden.

Erhöhung der Lebensqualität trotz Demenz

Trotz der sicherlich diskussionswürdigen Kritikpunkte scheint das Konzept der wertschätzenden, speziell zugeschnittenen Begleitung eine eklatante Erhöhung der Lebensqualität der Bewohner solcher Einrichtungen zur Folge zu haben. Vergleicht man erste Erfahrungen mit solchen aus regulären Betreuungseinrichtungen, so scheinen Senioren in Demenzdörfern ruhiger, zufriedener und weniger depressiv zu sein, was sich auch in der verminderten Gabe von Beruhigungsmitteln und Antidepressiva widerspiegelt. Den Lebensabend in Würde verbringen können, das ist Ziel und Zweck solcher Projekte. Und wer würde sich das nicht wünschen?

Buchempfehlung

Eine wunderbar intensive Erzählung um die an Demenz erkrankte Maud und ihre Freundin Elizabeth. Die Lebenssituation vieler an Demenz erkrankter Senioren, die zum Teil sehr skurrile und verstörende Auswüchse zeigen kann, wird hier anhand einer fesselnden Geschichte eindringlich beschrieben. Wie soll man sich als Betroffener noch in einer Welt zurechtfinden können, in der sich unlogische und ängstigende Phänomene zu häufen beginnen? Und was, wenn die Mitmenschen um einen herum die eigenen Sorgen und Nöte einfach nicht zu begreifen scheinen und abwehrend bis abwertend reagieren? Die tiefe Einsamkeit, die aus einem solchen Erleben entspringen kann, wird in diesem Roman deutlich und stimmt nachdenklich und traurig.


Vielleicht kann der Roman daher nicht nur zur reinen Unterhaltung dienen, sondern ein größeres Verständnis fördern mit den häufig "ausgemusterten Alten" unserer Gesellschaft. In einer Gedankenwelt, die nicht mehr der Logik der übrigen Welt folgt, ist es umso wichtiger, dass auf das individuelle Erleben eingegangen wird, um Betroffenen ein Gefühl von Angenommensein und Würde zu vermitteln. Dafür kann diese berührend Geschichte ein Beitrag sein.


Städteregion Aachen (Aachen, Alsdorf, Baesweiler, Eschweiler, Herzogenrath, Monschau, Roetgen, Simmerath, Stolberg Rhld., Würselen), den Kreisen Düren (Aldenhoven, Düren, Heimbach, Hürtgenwald, Inden, Jülich, Kreuzau, Langerwehe, Linnich, Merzenich, Nideggen, Niederzier, Nörvenich, Titz, Vettweiß) und Heinsberg (Erkelenz, Geilenkirchen, Heinsberg, Hückelhoven, Übach-Palenberg, Wassenberg, Wegberg, Gangelt, Selfkant, Waldfeucht) sowie Mönchengladbach, Viersen und Umgebung

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2 Gedanken zu „Leben mit Demenz – Demenzdörfer als Lebensort

  1. Lothar

    Was haltet ihr davon wenn man seinen Demenzkranken Verwandten in ein Demenzdorf nach Thailand schickt?

    Ich habe da die Tage was im Fernseh darüber gesehen. Für Menschen die keine große Rente haben ist das vom Geld her wahrscheinlich besser, oder?

    Ich freue mich auf eure Meinung.

    Grüße Lothar

  2. Sebastian

    Meine Großmutter litt selber unter Demenz und ist daran letztlich auch verstorben.

    Ihren letzten Abschnitt hat Sie in einem Pflegeheim verbracht, aber die Unterbringung in einem geschützten Ort, wo Sie noch möglichst selbstständig leben können ist sicherlich würdevoller.

    Beste Grüße

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